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TEST: WAS FÄLLT IHREM KIND SO SCHWER?
Lesen und Schreiben sind in Gesellschaften,
die über Schrift verfügen, ein wesentlicher Bestandteil der
Sprache. Schrift zu beherrschen, wird für selbstverständlich
gehalten – so sehr, dass man die komplexe Beziehung zwischen gesprochener
Sprache und Schrift für etwas "Natürliches", „Einfaches“
hält.
LRS-Kinder verzweifeln mit schöner Regelmäßigkeit
an dem gut gemeinten, aber falschen Tipp: "Das hörst
du doch!"
Schrift und Sprache sind keineswegs deckungsgleich!
Lesen/Schreiben heißt, gesprochene Sprache
in ein graphisches Symbolsystem, einen Code,
zu überführen. Das Kind muss lernen, den Code zu knacken –
und dazu muss es von der gesprochenen Sprache abstrahieren lernen, denn
der schriftliche Code hat seine eigenen Konventionen.
Machen Sie zwei Tests:
1. Test
Können Sie den folgenden deutschen Satz
lesen?


Solche Spielerei mit einem elementaren Satz
kostet Sie Ihre volle Aufmerksamkeit. Dabei haben Sie Ihrem Kind viel
voraus, denn Sie beherrschen ohne Nachdenken 1. die Einhaltung der Leserichtung
von links nach rechts, 2. die Überführung von Buchstaben und
Buchstabenverbindungen in Sprachlaute, 3. das Verschleifen einzelner Sprachlaute
zu Klanggestalten, 4. die automatische Assoziation solcher Klanggestalten
mit Bedeutung.
2. Test
Übersetzen Sie nun Ninos Geschichte in
konventionelles Schriftdeutsch:
Mama mit Nino baj Papa Papa ist fäkk abr
fo ist Papa Mama sakdorfas Mama ij waeisnt Mama Abr fas ist das das ist
Papa
Sie bemerken: Die Übertragung gesprochener
Sprache in Schrift verlangt an der Basis die Fertigkeit, Sprachlaute und
Buchstaben zueinander in Beziehung zu setzen. Dafür muss man zum
Beispiel den Unterschied zwischen stimmlosem / f / und stimmhaftem
/ w / bewusst wahrnehmen
können. Man muss weiterhin verstehen, dass sich Buchstabenebene und
Sprachlautebene keineswegs 1:1 decken: die Schreibweise / ei /
steht für das tatsächlich gesprochene / ai /, die
Schreibweise / ch / steht sowohl für den „weichen“
/ ich /-Laut als auch den „harten“ / ach /-Laut,
der Buchstabe / e / steht für den langen, gespannten / e /-Laut
in "Esel" wie auch für
den kurzen, ungespannten / e /-Laut in "weg",
außerdem als "Platzhalter-Selbstlaut", um Silbigkeit in
unbetonten Silben zu kennzeichnen – in "aber"
zum Beispiel gehen / er / zu diesem Zweck eine Verbindung ein.
Damit ist es aber nicht getan: Orthographie
verlangt die Kennzeichnung wortgrammatischer Zugehörigkeit und
satzgrammatischer Verhältnisse. In Ninos Geschichte können
wir uns das am Ausdruck
„Sakdorfas“ klar machen: Zunächst einmal bemerken wir,
dass Nino den gesamten Ausdruck noch als ein Wort begreift, unanalysiert.
Natürlich ist Nino auf diesem Sprachentwicklungsstand noch nicht
in der Lage, das „sak“ bewusst als eine Form von „sagen“
zu erkennen, geschweige denn den richtigen Schluss auf die Rechtschreibregel
zur Auslautverhärtung zu ziehen. Außerdem stellen wir fest,
dass wir den Text nicht eindeutig deuten können, weil die Kennzeichnung
der Sätze völlig fehlt.
Nino steht noch ganz am Anfang seines Schriftspracherwerbs.
Er hat das Prinzip der Schriftsprache zwar grundsätzlich verstanden:
Buchstaben bilden Sprachlaute ab; er schreibt aber, abgesehen von einigen
visuell gespeicherten Wörtern (Mama, Papa, ist, das...) noch tatsächlich
das, was er – ganz persönlich – hört,
auf. Für Fachleute gesprochen: Nino schreibt noch phonetisch,
keineswegs phonemisch!
Eine mögliche Auflösung für Ninos
Geschichte wäre:
Mama mit Nino bei Papa. Papa ist weg, aber wo
ist Papa? „Mama, sag‘ doch was!“ – Mama: „Ich
weiß nicht.“ – „Mama!“ Aber was ist das?
Das ist Papa!
Kinder, die bei der Aneignung der Schrift an irgendeiner
Stelle der oben aufgeführten Teilfertigkeiten auf besondere Schwierigkeiten
stoßen, sind in Gefahr, vom schulischen Unterricht „abgehängt“
zu werden. Sie entwickeln, was den Namen LRS oder Legasthenie trägt.
Da aber die Beherrschung der Schrift fundamentale Bedeutung für den
Schulerfolg hat – in jedem Fach ist Schrift Voraussetzung -, bleibt
der Kampf mit der Schrift nicht folgenlos für die Persönlichkeitsentwicklung
des Kindes: Es läuft Gefahr, in seiner emotionalen, sozialen
und kognitiven Entwicklung Schaden zu nehmen.
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